Schiv’a

Wer mich genauer kennt, weiß, dass ich stärker als der Ottonormalbürger mit der jüdischen Religion verbunden bin. So kommt es, dass seit Moroks Ankunft Schiv’a gehalten wird.

Die Schiv’a ist sozusagen die Akuttrauerphase im Judentum. Sie beginnt direkt nach der Beerdigung und dauert sieben Tage an. Ganz Typisch in dieser Zeit sind die vielen Speisen, die von Verwandten und Bekannten zubereitet und gebracht werden und die vielen Gespräche, die meist auf dem Boden liegend oder sitzend gehalten werden.

Oma und ich haben für den Morok gestern ein wunderbares Essen gezaubert und noch viel mehr. So gab es Hack-Gemüseauflauf, Donauwelle, Kirschpudding, den Familieneiersalat, den er so köstlich findet, Datteln im Speckmantel,…

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Donauwelle, bzw. der Rest davon

Außerdem haben wir viel geredet: Über Bilder, die er vom Papa im Kopf präsent hat, die er aber nicht präsent haben möchte, über das Berühren einer Leiche, die aber für den Morok keine Leiche war, sondern der Papa. Wir sprachen über Kindheitserinnerungen, die gerade etwas verblasst sind, weil die aktuellen Erlebnisse sich so stark in den Vordergrund drängeln und wir sprachen über Angst, Wut, Trauer und die große Ungerechtigkeit, die laut Morok sich immer wieder so sehr in sein Leben drängt.

Heute geht es weiter mit Käsekuchen, Lauchsuppe, gefüllten Champignons und vielen Gesprächen, Stille und Beieinandersein.

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~ von Echium - 23. Februar 2015.

4 Antworten to “Schiv’a”

  1. In meinen Augen eine sehr schöne und sinnvolle Tradition. Als mein Schwiegervater 2008 starb, war zwar die ganze Familie versammelt aber wir versanken damals in Sprachlosigkeit und Starre. Tatsächlich wurde nur das nötigste geredet und kochen musste man halt auch. Ich bekomme heute noch Gänsehaut wenn ich an diese Zeit denke. Mit der Trauer so umzugehen wie Ihr es gerade macht hätte ich mir für meine Familie auch gewünscht.

  2. Ihr habt einen sehr schönen und mir bislang völlig unbekannten Weg gefunden um mit der Trauer umzugehen.
    Als mein Vater vor 14 Jahren starb war es ähnlich wie bei Zitronella. Ich habe versucht so schnell wie möglichst versucht einfach Alltag zu haben, in meinem Falle das was jemand in der 12.Klasse so macht. Hat der Alltag einen mal verlassen, kam die Trauer brutalst zurück und man merkte erst einmal wie sehr der gelebte Alltag einfach nur Fassade war.

    • Danke für deine Offenheit Robert.
      Ich finde es sehr schade, dass eine gute Trauer-/Sterbekultur in unseren Gesellschaftskreisen so beschneiden. Nur als Beispiel: Ich habe bei Unterzeichnung meines Arbeitsvertrages auch den „urlaubspassus“ gelesen. Darin steht, dass es im Todesfall des Ehe-/Lebenspartners und des eigenen Kindes zwei Freitage gibt, im Todesfall der Eltern und Geschwister einen Freitag. Ich finde, dass ist der hart geregelt.
      Ich hoffe, dass wir einen guten Weg gefunden haben.

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